
Podcast Nr. 2, Juli 2010

Gelesen von: Tomas Flachs Nobrega
Dauer: 10min 37sec
Download (16,6 MB)
Sonntag mit Fleisch
Ich hätte da mal eine Frage: Wenn Sie im Supermarkt in der Charcuterie vor der Tiefkühltruhe stehen: läuft Ihnen dann beim Anblick des bleichen Fleischpanoramas das Wasser im Mund zusammen? Nein? Stattdessen mäandern morbide Gedanken durch Ihre Hirnwindungen? Aha. Wie sieht die Sache denn aus, wenn Sie, sagen wir mal, vor einer Grillhähnchenbude stehen und ölbestrichenen toten Vögeln beim Rotieren zusehen? Ihre Speicheldrüsen streiken und Ihnen ist ein bisschen flau? Hm. Sie überlegen, was genau noch mal der Grund ist, weshalb Sie nicht längst Vegetarierin sind? Soso.
„Angenehm ist nur, was nicht massig, was unterscheidbar ist,... ein Übermass an Fleisch ebnet ein und macht gleich.“ Diese Erkenntnis, die Ihre carnivore Appetitlosigkeit erklären könnte, hatte der Held von Sonntag mit Fleisch bei der Betrachtung eines „Konglomerats aus Fleisch“. Im Gegensatz zu unseren Anschauungsbeispielen handelt es sich in seinem Fall jedoch weder um tiefgekühltes, noch um versengtes, sondern um quicklebendiges Fleisch. Jedenfalls noch quicklebendiges. „Junges und reifes und altes Fleisch, Kinderfleisch, das noch kein Fleisch ist, Mutterfleisch, das dagegen am meisten Fleisch ist, weil es sich bereits reproduziert hat.“ Nein, die Geschichte spielt nicht auf einer Kannibaleninsel, obwohl es ein Menschenopfer geben wird. „Wo denn sonst?“, fragen Sie, grün im Gesicht? Gegenfrage: Schon Strandferien gebucht?
Mehr davon?
Als glühender Javier Marias Fan gebe ich Ihnen nur einen Rat: Lesen Sie einfach alles, was der Meister geschrieben hat! Egal in welcher Reihenfolge. Mein Herz so weiss ist ebenso toll wie Morgen in der Schlacht denk‘ an mich spannend ist wie Alle Seelen traurig, wie Der Gefühlsmensch bitter, Die Reise über den Horizont geheimnisvoll, die Trilogie Dein Gesicht morgen düster, die Erzählungen Als ich sterblich war abgründig sind und die AutorInnenporträts in Geschriebenes Leben subtil-ironisch. Und bitte: haben Sie etwas Geduld. Romane von Javier Marias muss man lesen, als ob man sich einen von Dostojewskis Elefanten vorknöpfen würde; die ersten 80 Seiten passiert so gut wie nichts und man sitzt über einem scheinbar wirren Knäuel von Erzählsträngen. Aber seien Sie versichert: Ihr Durchhaltevermögen wird belohnt werden und es könnte sogar sein, dass der Mensch, der das Buch aufgeschlagen hat, nicht mehr derselbe ist, der es nach der letzten Seite zuklappt. Zuletzt noch eine Warnung: Da Senor Marias immer umfangreichere Werke schreibt, verlängern sich die Lieferzeiten der Neuerscheinungen in den letzten Jahren zusehends. Schlingen Sie also bitte nicht ohne Sinn und Verstand Marias‘ bisheriges Gesamtwerk hinunter und sind dann untröstlich, dass Sie danach wieder mit banaleren Literaten vorlieb nehmen müssen. Nein: wenn Sie jetzt beginnen, lesen Sie maximal zwei Bücher pro Jahr. In zirka sieben Jahren sind Sie dann durch und in den Buchhandlungen trifft Nachschub ein...
Javier Marias aka König Xavier I. - der royale Voyeur
„Erst wenn eine Tat bekannt geworden ist, ist sie abgeschlossen. Und es ist sehr wichtig, wie über sie berichtet wird. Es spielt keine grosse Rolle, was zuvor war. Erst mit dem Erzählen wird die Geschichte quasi vollendet.“ Geheimnisse, die sich auf verschlungenen Wegen offenbaren, um dann das Leben der Protagonisten, wenn es gut geht, auf den Kopf zu stellen, wenn es schlecht geht, zu zerstören, sind Marias Antriebsfeder fürs Schreiben. Begonnen hat er mit elf Jahren „um weiterzulesen, was mir gefällt.“ Javier Marias wurde 1951 in Madrid als Sohn einer Lehrerin und des Philosophen Julian Marias Aguilera geboren. Madrid ist später oft Schauplatz seiner Romane, und in ihnen wird auch der von Franco verhinderten Akademikerkarriere seines Vaters gedacht. Der Autor, der nie heiratet, weil er dann jemandes ständiger Zeuge wäre und von sich sagt: „ich möchte auch nicht, dass jemand alles mitkriegt, was ich tue.“, dieser Mann schreibt seine Romane paradoxerweise stets aus der Zeugenperspektive eines betont irrelevanten Zeitgenossen, der unfreiwillig aber schicksalshaft in Ereignisse verstrickt wird, die ihn eigentlich nichts angehen. Ebenso auf Distanz bedacht wie seine Erzählfiguren, mag Marias das Leben im Verborgenen. So ist es nicht erstaunlich, dass er nebenamtlich als König von Rodonda fungiert - Herrscher über ein imaginäres Reich einer unbewohnten karibischen Insel...
Michela Gösken
Mit freundlicher Genehmigung von
© Klett-Cotta Verlag Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.