
Podcast Nr. 4, September 2010

Gelesen von: Cathrin Störmer
Dauer: 8min 1sec
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Männerfragebogen:
Frage 1: Wie würden Sie Ihre Körperfülle bezeichnen? a) normal (10 P.) b) unterdurchschnittlich (5 P.) c) überdurchschnittlich (0 P.)
Frage 2: Wie würden Sie Ihre Haupthaarfülle bezeichnen? a) normal (10 P.) b) unterdurchschnittlich (0 P.) c) überdurchschnittlich (5 P.)
Frage 3: Wie würden Sie Ihr Liebesleben bezeichnen? a) befriediegend (5 P.) b) unterdurchschnittlich (0 P.) c) überdurchschnittlich (10 P. und Gratulation!)
Frage 4: Wie würden Sie Ihren Kontostand bezeichnen? a) normal (5 P.) b) unterdurchschnittlich (0 P.) c) überdurchschnittlich (10 P.)
Frage 5: Wieviel Ihrer kostbaren Zeit beansprucht Ihre Lebenspartnerin Ihrer geschätzten Meinung nach? a) normal viel (5 P.) b) unterdurchschnittlich viel (10 P.) c) überdurchschnittlich viel (0 P.)
Auswertung Ihrer Antworten:
Die Überlebenschancen Ihrer Lebenspartnerin sind:
ab 45 Punkten:
HERVORRAGEND. Gratulation! Sie leben im ehelichen Nirvana, bis dass der Tod Sie scheidet.
zwischen 15 bis 40 Punkten:
ETWAS ZWEIFELHAFT. Vermeiden Sie gemeinsame Bergwanderungen oder ähnlich unfallgefährdete Ausflüge.
0-10 Punkte: MISERABEL. Empfehlen Sie Ihrer werten Gattin, eine Lebensversicherung abzuschliessen sowie ein Testament zu verfassen. Beschaffen Sie sich ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit. Erkundigen Sie sich im örtlichen Gefängnis nach den Angeboten zur Freizeitgestaltung. Hören Sie die Mordanleitung von Patricia Highsmith auf dieser Homepage: Die Invalidin oder die Bettlägerige.
Rechtsbelehrung: Die SBS ist eine soziale Institution und kann weder für das Gelingen noch für das Misslingen von Kapitalverbrechen haftbar gemacht werden.
Da Ms. Highsmith eine Vielschreiberin war, des weiteren bereits als Zwanzigjährige erste literarische Erfolge einstreichen konnte, und der Autorin überdies ein langes Leben beschieden war, können Sie sich vorstellen, was auf Sie zukommt, wenn Sie sich systematisch durch ihr Werk lesen wollen. Nun, für die Ungeduldigen, Lesefaulen oder Freizeitarmen unter Ihnen gibt es die wenig ruhmreiche aber effektive Methode, Bildungslücken zu schliessen, um beim nächsten Trivial Persuit besser zu punkten: Sie plündern den nächstgelegenen DVD-Verleih, lassen sich sechs Tage lang krank schreiben und ziehen sich die läppischen 23 Highsmithverfilmungen acht Stunden pro Tag rein, beginnend mit der Hitchcockverfilmung von Der Fremde im Zug, über Der amerikanische Freund von Wim Wenders, endend mit Deep Water von Regisseur Mike Nichols. Die Fleissigen und Ehrbaren unter Ihnen, die offenbar Freizeit zum Vergeuden haben, lesen gerne zuerst die 22 Romane - natürlich zuerst im Original und dann in der deutschen Übersetzung, um fachsimpeln zu können - danach die Kurzgeschichten. Bitte die Verfilmungen nicht vergessen, Sie wollen sich doch nicht in der Millionenshow blamieren!
„Sie ist eine Schriftstellerin, die eine eigene Welt erschaffen hat - eine klaustrophobische irrationale Welt.“ schrieb Graham Greene in seinem Vorwort zu Highsmiths gruseliger Kurzgeschichte Der Schneckenforscher. „Nichts ist sicher, wenn wir diese Grenze überschritten haben,“ so Greene. Patricia Highsmith interessierte die Mechanik einer Kriminalgeschichte wenig. Ihr Interesse galt vielmehr den Abgründen des Alltäglichen, der Erforschung meist recht banaler Umstände, die den Durschnittsmenschen dazu treiben, ein Verbrechen zu begehen. Ihr psychologisches Rüstzeug fand sie im elterlichen Bücherregal: Der Menschliche Geist, wo der Psychiater Karl A. Menninger ein Sammelsurium an Personen mit den unterschiedlichsten psychischen Defekten zusammenträgt. Dieses Buch war wohl so ziemlich das Einzige, was die Autorin ihren Eltern zugutehielt. Als Highsmith einmal gefragt wurde, weshalb sie ihre Mutter nicht möge, kam die Antwort: „Erstens, weil sie aus meiner Kindheit eine kleine Hölle machte. Zweitens, weil sie selber nie jemanden liebte, weder meinen Vater, meinen Stiefvater noch mich.“ Nach zahlreichen Liebesaffären mit Männern und Frauen, welche Highsmith nach Trennungsgrund, Gefühlsintensität und nachträglichem Bedauern katalogisierte und die sie allesamt als katastrophal bezeichnete, widmete sich Highsmith ihren Katzen. Am Ende ihres Lebens erging es der Autorin wohl ähnlich wie ihrer Lieblingsfigur Tom Ripley, der sich in seinem Zugabteil von der Menschheit wegsperrt. Nur, dass ihr Zugabteil den Namen Tegna trug - ein Tessiner Bergnest, wo sie sich der Welt entzog.
Michela Gösken
Mit freundlicher Genehmigung von
© 1975 Diogenes Verlag AG Zürich
aus «Kleine Geschichten für Weiberfeinde».
Aus dem Amerikanischen von Walter E. Richartz.
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